Feng Shui und alte Damen von Volker Koenig

Der Hausgeist hat mich an eine Begebenheit erinnert, die sich voriges Jahr Anfang März zugetragen hat.

Wir hatten damals die Schlüssel für die andere Haushälfte erhalten, nach einigen Vertragsverhandlungen, die man auch als “Husarenstück” bezeichnen könnte.

Vorangegangen waren in der anderen Haushälfte zwei Todesfälle. Zuerst starb der Mann. Er war knapp über 90 und fiel gelegentlich mal um. Im Krankenhaus wachte er wieder auf und war nach zwei Tagen daheim, um seine Frau zu scheuchen.

“Frau, komm her” nannten wir ihn deshalb. Eines Tages fiel er wieder um und wurde nicht mehr ganz klar. Die Durchblutungsstörungen im Gehirn waren zu stark, die vaskuläre Demenz wurde mit einem Schlag zum Delir.

Einige Wochen später war er tot. Er schlief schon längst nicht mehr im Schlafzimmer im 1. Stock, sondern hatte ein Pflegebett im Wohnzimmer.

Seine Frau würde jetzt aufblühen, dachten wir. Doch keine zwei Jahre später kündigten sich auch bei ihr die ersten Zeichen an. Im November 2004 wurde sie zum vierten oder fünften Mal mit Blaulicht ins Krankenhaus gefahren.

Auch sie schlief inzwischen im Pflegebett, das nach wie vor im Wohnzimmer stand. An manchen Abenden schlief sie vor dem Fernseher ein, der morgendliche Kontrollanruf der Tochter (durch die superlaute Zusatzklingel am Telefon wurden wir auch wach) wurde nicht beantwortet und binnen 8 Minuten war der Krankenwagen da.

Schließlich war auch sie verwirrt. Vor ihrer Tochter hatten die beiden älteren Herrschaften schon ein Kind, auch ein Mädchen, das früh gestorben war. Die Mutter hat immer von der toten Tochter geschwärmt, die sei viel netter gewesen, als ihre zweite Tochter. Immer so brav und ruhig, hätte nie geschrien. Was heute für eine normalneurotische und durch einschlägige Wartezimmermagazine in kritischen Kinderkranheiten ausgebildete Mutter zu Panikanfällen führen würde, hielt man in den 1950ern für normal.

Als das Delir einsetzte traf sie ihre erste Tochter wieder.

Die Stimme der alten Dame klang wie die eines alten Huhns: Zuttrig, krächzend, und mit dem typischen Tremolo am Ende des Satzes, das den niederrheinischen Dialekt ausmacht. Abends, wenn es ruhig auf der Straße wurde, hörten wir die Stimme, wie sie in der Jugend der alten Dame wohl geklungen haben muss.

“Süße, kleine, komm mal her, komm zu Mama” klang es glockenhell.

“Komm her, das ist fein” - wir zählten reflexartig unsere Katzen nach - es fehlte keine. Die alte Dame war also mit sich und ihrer Erinnerung alleine.

Vielleicht waren auch Medikamente im Spiel, aber das Wort “Apoplex” machte die Runde und schien ihr Verhalten wissenschaftlich zu erklären.

Schließlich wurde sie erlöst und durfte ihrer geliebten ersten Tochter folgen.

Und drei Monate später hatten wir die Shclüssel. Das Wohnzimmer war 7x4m groß, komplett geräumt. Nur der Linoleumboden und die Tapeten waren noch da.

Trotz der Flasche Sekt, mit der wir auf unsere Neuerwerbung anstießen, war unsere Stimmung dumpf und bedrückt. In den letzten drei Jahren waren hier zwei Menschen gestorben - und nun soll dort eine Naturheilpraxis hinein?

Also holte Petra einiges Räucherwerk und wir trieben die Geister aus, wie Karen Kingston es als “Space Clearing” beschreibt.

Geister verstecken sich gerne in Zimmerecken, wenn geräuchert wird, also klatschten wir auch alle Ecken aus, um die Geister zu vertreiben. Ein Glockenspiel unterstützte uns.

Dann gingen wir ins Bett.

Am nächsten Morgen ging ich schnell rüber, um die Rollos zu öffnen. Der Raum fühlte sich erleichtert an. Und ich merkte, was am Vortag noch fehlte: Der leichte Hall, den leere Räume für gewöhnlich haben.

Der Hall war jetzt da. Offensichtlich war der Raum jetzt wirklich leer.



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