Der Schwarze Kanal I von Volker Koenig

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen? Nein. Ein Hauskauf ist viel ergiebiger.

Unser Haus - oder vielleicht besser: Unsere Häuser? - wurden in den 1950ern von zwei Schwägern gebaut. Es ist keine Doppelhauskonstruktion, dann wären es zwei eigenständige Häuser. Es ist auch kein Mehrfamilienhaus im klassischen Sinne, weil es auf zwei Grundstücken steht und zwei separate Eingänge hat.

Dennoch werden die beiden Wohnungen nur durch eine Zimmerwand getrennt und die Stahlträger der Betondecken gehen quer durch beide Wohnungen.

Doch das alles erfährt man erst nach dem Kauf, außer, man lässt vorher ein Gutachten anfertigen.

1995 starb der erste der beiden Schwäger und seine Tochter verkaufte uns die erste Hälfte. Es wurde saniert und man lebte so vor sich hin. Bis zwei Jahre später das Fallrohr neben dem Hauseingang bei jedem stärkeren Regen (Jahr|hun|dert|re|gen; m; Bezeichnung für starken Regen, der am Niederrhein etwa einmal pro Woche auftritt) aus allen Ritzen scharfe Wasserstrahlen schossen, die auf einen ziemlichen Rückstau im Fallrohr schließen ließen. Ein Rückstau, der ganz offensichtlich auch daher rührte, dass die andere Haushälfte kein eigenes Fallrohr besaß und ihre Dächer über unseren Kanal entwässerte.

Also besuchten wir den fast 90jährigen Bauherrn der anderen Haushälfte nebst Frau. “Da ist kein Loch in der Erde” sagte er und Schwiegervater, der Kanalbauer ist, erläuterte, dass es wohl ein alter Steingutkanal sei, der angeschlagen werden müsse (=Loch hineinschlagen, um etwas anzuschließen), und bei dem alten Zeug würde das Risse geben.

Aha. Wir nahmen das so hin, bis im Jahr 2000 die Tochter des besagten älteren Herren, der das Haus aus Steuergründen gehörte, sich von ihrem Mann trennte und mit ihren Töchtern “drüben” einzog.

Die erste Erkenntnis: Der anscheinend laute Fernseher der Nachbarn war nur auf eine gehobene Zimmerlautstärke eingestellt. Was L A U T bedeutet demonstrierten uns die Töchter mit ihren Ghettoblastern. Ganz offensichtlich war das Haus bauartbedingt nur dann für zwei Parteien geeignet, wenn wenigstens eine davon so alt war, dass sie fast taub ist und sich nicht allzu schnell (und laut) bewegt.

Dann kamen mehrmals Wagen von Installateurfirmen vorgefahren. Und plötzlich hörten wir Stimmen im gengerischen Bad und in unserer nicht unterkellerten Küche kratzte es unter dem Boden.

“Die leiten Ihr Klo doch wohl nicht über unseren Kanal ab…?”

Ich war schon auf dem richtigen Weg. Wenige Minuten später - wir berieten gerade, wie wir das Rätsel aufklären - klingelte es. Der alte Herr stand vor der Tür.

“Der Kanal ist verstopft. Kommnsemamit.”

Interessiert folgten wir ihm vor seine Garage. Dort stand um einen Gulli herum eine Pfütze mit optischen und olfaktorischen Qualitäten, die wir gar nicht kennen wollten.

“Das ist ja schlimm mit Ihrem Kanal.” stellten wir uns dumm, “Da muss sicher viel gemacht werden.”

“Ja, der iss eingestürzt. Da muss das Rohr repariert werden. Der Handwerker muss auf Ihr Grundstück und da müssense sich an der Rechnung dran beteiligen.”

Jetzt war es raus: Beide Häuser hatten nur einen Kanalanschluss, und der lag auf unserem Grundstück.

Zum Glück, denn so hatten wir einen theoretischen Anspruch auf Unterlassung. Denn selbst, wenn der Kanal damals auf Kosten beider Bauherren erstellt wurde, gehört er als fest mit unserem Grundstück verbundene Anlage uns. Und aus dem einzig für solche Ansprüche gültigen Grundbuch ergab sich kein Nutzungsrecht.

Wir nahmen Kontakt zur Tochter auf und trafen uns auf neutralem Gelände.

Alle hätten doch davon gewusst, auch ihre Cousine, die unser Haus verkauft hat. Ob das nicht im Kaufvertrag gestanden hätte?

Nein, aber wenn sie meine, dass die Cousine sich beim Vertragsabschluss pflichtwidrig verhalten habe, könne sie ihre Verwandte ja zu Schadenersatz heranziehen.

Vor dem Hintergrund, dass wir ihr natürlich nicht die Kosten für einen eigenen Kanal (25m x 3000 DM) aufs Auge drücken wollten, aber durchaus bereit wären, das als ultima ratio doch zu tun, ließ sich sich auf Verhandlungen ein.

Wir wollten ihr eine Grunddienstbarkeit schenken (also das Recht, unseren Kanal zu nutzen), wenn wir einen Vorvertrag abschlössen über den Kauf ihrer Haushälfte, wenn ihre Eltern tot seien. Die Grunddienstbarkeit stünde dann in den Einträgen für beide Grundstücke.

Wir hatten schnell den Eindruck, dass sie das Kanalthema bei einem eventuellen Verkauf im Rahmen einer Art “Generalamnesie” ignorieren wollte - ein Eintrag im Grundbuch würde das verhindern und den Grundstückswert gleich um die besagten 25x3000 DM mindern.

Nach rund 9 Monaten mit sporadischen Telefonaten rückten wir etwas ab - ein Vorkaufsrecht würde uns reichen. Wieder saß sie unsere Gutmütigkeit aus und insgesamt zwei Jahre nach dem ersten Treffen hatten wir die Faxen dicke. Wir begannen, das Thema professionell anzugehen und machten zeitlich Druck. Kein Gespräch ohne Vereinbarung, wann der nächste Kontakt stattfinden würde und was dann geklärt sei. Schließlich, nach drei Monaten, war sie bereit, mit uns zum Notar zu gehen.

Am Abend vor dem großen Tag kam ein Fax. Von einem Anwalt, der ausweislich ihrer Vollmacht den Notartermin absagte.

Die Vollmacht war drei Monate alt - sie hatte also die ganze Zeit auf Zeit gespielt und wollte gar nicht zum Notar.

In der Folge entsponn sich ein anwaltliche Schriftwechsel (wir ließen uns nach drei dummdreisten Schreiben der Gegenseite auch von einem Anwalt vertreten), der einer gewissen Komik nicht entbehrte: Der Gegner gab sich bar jeglichen Wissens um die §§ 873ff BGB und konstatierte Rechtsverhältnisse, die mindestens eine Staffel “Richterin Salesch” gefüllt hätten.

Schließlich starb der ältere Herr und dann ging es hopplahopp. Da ein Vorkaufsrecht ihr schon aus Prinzip nicht passte war sie bereit, unsere Notar- und Anwaltskosten sowie ein angemessenes Nutzungsentgelt an uns zu zahlen.

“Nächstes Mal lassen wir sie nicht an der langen Leine”, entschieden wir.

Und das war gut so

 



Kommentare: (per RSS abonnieren)



Name:

Email:

URL:

Persönliche Angaben speichern

Benachrichtigung bei Folgekommentaren

Bitte beantworten Sie die folgende Frage:
Welches Tier bellt?

« « Aufwärts | Ungeklärtes » »