Der schwarze Kanal II von Volker Koenig

Wir hatten also unseren Notarvertrag mit der Eigentümerin der anderen Haushälfte, die Grunddienstbarkeit wegen des Kanals war im Grundbuch eingetragen worden und das Kanalnutzungsentgelt floss.

Dann wurde die alte Damen nebenan krank und starb. Auf den Tag genau an meinem 39. Geburtstag.

Zwei Tage später war die Todesanzeige in der Post. Am 8. Dezember solle die Beisetzung sein, stand dort, und da wir Interesse an der soeben frei gewordenen Halbimmobilie hatten dachten wir uns einen Text aus und ließen ein nettes Gesteck zur Beisetzung liefern.

Dann feilten wir an zwei Schreiben: Eines, in dem wir ihr ein Kaufangebot in Aussicht stellten, ein anderes, in dem wir auf Basis der interessanten rechtlichen Gestaltung des Notarvertrages die Pistole auf die Brust setzten, falls sie nicht an Vertragsverhandlungen interessiert sei. Schreiben 1 ging eine Woche vor Weihnachten auf die Reise.

Am Tag vor Heiligabend klingelte es Ein großer, bäriger Mann stand vor der Tür.

Er stellte sich als Käufer der anderen Haushälfte vor.

Meine Stimmung veränderte sich schlagartig. Das Haus war, wir erinnern uns, definitiv nur für eine Partei geeignet. Wenn drüben jemand anders einzöge, so hatten wir schon entschieden, würden wir uns was neues suchen. Die Metapher von der zusammenstürzenden Welt trifft die Sache ganz gut.

Ich hielt eine Minute Smalltalk mit dem Käufer, er sei bei der JVA im Nebenort beschäftigt, deren Werkswohnungen abgerissen werden und daher müsse er was neues finden. Die Sache mit dem Kanal hätte man ihm auch gesagt. Nach Sylvester würde er gerne mit uns ein Gespräch führen.

Am selben Tag ging Brief 2 in die Post. Das zeitlich auf noch ein verbleibendes Jahr befristete Nutzungsrecht am Kanal stand im Grundbuch und war nach den Buchstaben des Gesetzes auf den Käufer übergegangen. Wir hatten jedoch einen notariellen Vertrag mit der Verkäuferin, dass Sie das Haus nur mit der Vorgabe verkaufen dürfe, dass der Käufer unverzüglich einen eigenen Kanal erstellt. Sollte sie das unterlassen oder die Einhaltung dieser Pflicht nicht durchsetzen, sei sie schandenersatzpflichtig.

Parallel recherchierte ich und fand die Annonce, auf die der Käufer reagiert hatte. Für 85.000 EUR war die Haushälfte inseriert, und das noch vor der Beerdigung.

Also die Maklerin anrufen. Ja, hallo, ich hab diese Annonce gesehen, wir kommen selber aus Vorst und wollen uns jetzt kleiner setzen, seit die Kinder aus dem Haus sind…

Sie erzählte sofort los. Das Haus sei schon weg, es sei ja auch wirklich ein Schnäppchen gewesen mit dem großen Garten, nur etwas wenig Wohnfläche deshalb sei es auch so günstig. Aber da seien ja Ausbaureserven ohne Ende, und die Verkäuferin hatte ja so ein gutes Verhältnis mit den Nachbarn da sei der 1 1/2 geschossige Ausbau der Garage gar kein Problem und das Bauamt habe auch schon Grünes Licht gegeben und überhauptseidasjaeintraum.

Puh.

Als ich wieder Luft bekommen hatte rief ich das Bauamt an. Natürlich dürfe man mir zu laufenden Verfahren keine Auskunft geben, Datenschutz. Der Beamte schaute aber per Computer in die Liegenschaftskarte - da sind alle Bauwerke und Grenzen verzeichnet.

“Da hat ihr neuer Nachbar sich aber übern Tisch ziehen lassen. Die Gebäude haben eine Bautiefe von wenigstens 18m, erlaubt sind aber nur 16m. Was steht hat Bestandsschutz, aber die Überbauung des Vorhandenen mit 1 1/2 Geschossen ist definitiv nicht genehmigungsfähig. Und wenn die Bautiefe verringert würde gäbe es kein Grünes Licht von uns ohne ihre Genehmigung, und ich würde die, erhlich gesagt, nicht geben. Ihre Terasse würde dadurch zum Atrium, da käme keine Sonne mehr hin.”

Wir berieten uns und luden die Käufer dann zur Teatime ein.

Sie eröffneten uns ihre Baupläne - 1 1/2 Geschosse über der Garage, Auskernung des Haupthauses. Alles fast im Wortlaut wie das, was die Maklerin gesagt hatte. Wir hörten geduldig zu.

Dann erläuterten wird die Probleme mit dem Haus, demonstrierten, dass ein Herumlaufen im 1. Stock zu Lärmbelästigungen in beiden Haushälften führt. Dass wir das Mithören von Telefonaten im Nachbarhaus nur durch Einschalten des Radios verhindern konnten glaubten sie ohne Vorführung. Dass wir also, wenn drüben jemand diesseits des 80. Geburtstages einzöge, unser Haus verkaufen würden.

Deshalb, sagte die beste Strategin der Welt, können wir die Überbauung nicht akzeptieren, denn mit so einer Terasse könnten wir das Haus nicht verkaufen. Diese Verhandlungen müsse er bitte mit den Nachbesitzern führen. Irgendwann im Herbst, wir rechnen mit wenigstens 8-9 Monaten für Suche und Renovierung.

Als die Gesichtszüge unserer Gäste wieder Form angenommen hatten setzte ich nach. Die Ortssatzungen hatte ich inzwischen ausgedruckt und demonstrierte, dass in unserer Haushälfte von der vordersten Wohnzimmerwand zur hintersten Badezimmerwand rund 17m liegen. Innenmaß. Das maximale Außenmaß der Bautiefe betrüge seit einigen Jahren jedoch 16m. Wir dürften nichtmal auf das mit Flachdach versehene Badezimmer einen Wintergarten setzen. Also sei fraglich, was die Verkäuferin da mit dem Bauamt abgestimmt haben wolle.

Zumal unser “gutes Verhältnis” in einem Aktenordner mit dem Schriftwechsel unserer Anwälte gut dokumentiert war.

Nun brachen bei den Käufern mehrere Welten zusammen. Sie hatten ein Haus gekauft, mit dem sie definitiv nichts anfangen konnten.

Aber wir hatten ein Angebot ausgearbeitet. Wir würden ihnen das Haus abkaufen und sie von allen Nebenkosten - Maklercourtage, Grunderwebssteuer, Notarkosten - frei halten. Dadurch würden wir unseren eigenen Besitz schützen und sie seien so gestellt, als ob das sie Haus nie gekauft hätten.

Natürlich willigten sie ein.

Die Verkäuferin erfuhr davon in einem Telefonat mit dem Käufer. Ein sehr unangenehmes Telefonat, als Beamter des Strafvollzuges war er in der Lage, mit sehr wenigen Worden sehr unmissverständlich seine Meinung zu sagen. Da ich bereit wäre, mein Gespräch mit der Maklerin vor Gericht zu bezeugen, sei der Betrug auch beweisbar - normalerweise ist in solchen Fällen der Käufer hilfloses Opfer, denn den Inhalt des Gesprächs am Besichtigungstermin kann man fast nie gerichtsfest beweisen.

Die Verkäuferin schmerzte aber der Gedanke, dass sie beim Verkauf direkt an uns locker 10.000 EURO mehr hätte herausschlagen können.

Und das wäre noch nicht mal unser oberstes Limit gewesen.

 



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Whoooo, was für ein Krimi! Aber da kann man mal sehen, was gute Vorbereitung und der Besitz aller relevanten Informationen ausmachen können.

Gruß, Hendrik

Hendrik42  am  25. August 2006



Wer heutzutage alles in Makler macht…

Bei uns war es ähnlich: Das quer angebauten Haupthaus der Hofstelle hat nach einem Umbau 6 Eigentums-Wohnungen. Leider muss man durche eine Wohnung, wenn man zur Heizungsanlage will. Die Maklerin, die alle Wohnungen in einen Käufer vermittelt hat, sagte dem Käufer: Ein Durchbruch und Tür vom Heizungsrum in unseren Garten wäre kein Problem. Da sei schon mal eine Tür drin gewesen (richtig), und das sei mit der Baulast gedeckt (falsch). Also kam die Frau des neuen Besitzers und eröffnete mir, das nun eine Tür Richtung unserem Garten gemacht würde. Da habe ich sie überzeugen müssen, dass sich die Baulast auf eine Wegerecht am linken (von uns nicht einsehbaren) Hof beschränken würde. Dann muss sie die Malkerin ziemlich in die Mangel genommen haben. Die Maklerin bat uns dringend um einen Ortstermin - ohne einen Grund zu nennen. Auch auf Nachfrage wollte die Dame keinen Grund nennen (obwohl klar war, dass es um die Tür ging). So wurde es nichts mit dem Ortstermin. Die Wohnung mit dem Zwangzugang zum Heizungsraum steht heute immer noch leer…

Nur: Wer zieht diese unfähigen Makler eigentlich aus dem Verkehr?

Tim  am  27. August 2006



Volker, eine Frage noch dazu: die Käufer der anderen Hälfte hatten also keinen Kredit aufgenommen? Sonst würden sie ja jetzt auf dem aufgenommenen Kredit sitzen, oder?

Gruß, Hendrik

Hendrik42  am  27. August 2006



@Hendrik42: Die Käufer wollten eigentlich 125m² und nicht die 75m², waren aber ziemlich in Zeitdruck. Außerdem brauchten sie einen großen Gartenteich für die Störe und Auslauf für die Hunde.
Kurz danach hatten sie ein Haus im Nachbarort gefunden, noch näher an der JVA und von dort zu Fuß zu erreichen. Mit der gewünschten Wohnfläche, der Fußbodenheizung, dem Gartenteich, dem Törchen zum Garten… den Kredit hatten sie “seinerzeit” noch nicht aufgenommen. Gute Kondizionen hatten sie aber schon ahsgehandelt.
Sie hatten eigentlich vor, Maklerin und Verkäuferin anzuzeigen. Wie gesagt: Die Gesprächsnotiz über die plappersüchtige Maklerin hatte ich ihnen gegeben und über meinen Einzelverbindungsnachweis war das Gespräch mit Termin zu belegen. Sie konnte sich bestimmt auch an mich erinnern, weil sie von meinem “Alter Ego für Recherchezwecke” die Daten aufgenommen hatte.
Vielleicht haben sie sich geeinigt, er hatte sowas angedeutet, dass ein sehr entgegen kommender Makler ihm das Haus verschafft hatte…
@Tim:

VolkerK  am  28. August 2006



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